Mittwoch, 6. Mai 2015

Plädoyer für ungezogene Krausehunde.






















Die Damen begegnen sich auf einer kurzgeschorenen Wiese am Bodensee. Nachdem die Ältere der Jüngeren zu verstehen gibt, es handle sich bei dieser Grünfläche seit über einem Jahrzehnt um ihr Revier, macht die Jüngere der Älteren klar, dass es höchste Zeit für einen Generationswechsel ist. 

BOINK! Schon haben die zwei sich in der Wolle. Ich hechte dazwischen und versuche, meine erboste Luna (damals 8) von der kochenden Bella (damals 12) herunter zu pflücken. Ja, ich weiß, das soll man nicht! Aber was bleibt mir anderes übrig? Um mich und die Hunde stehen vier tatenlose, aber dafür laut schreiende Rentner herum. Drei rufen so etwas Ähnliches wie „Wah! Wah! Wah!“, treffen aber keinerlei Anstalten, mir zu Hilfe zu kommen. 

Ein Vierter krakeelt wie ein Besessener nach allem, was Uniform trägt: Polizei, Ordnungsamt, Landesjagdverband, GSG9, Feuer- und Bundeswehr. Dazwischen rutsche ich auf den Knien und riskiere meine Epidermis. Zuerst denke ich, Bella ist der Hund des Krakeelers. Stimmt aber nicht. Der hat gar keinen. Ihm geht es ums Prinzip. Leute wie ich und mein Hund müssen von der Straße! Wah! Wah! Wah!

Die durch die Hölle gehen
Und was tut sich sonst noch so in Hundedeutschland? Ollis Hündin kümmert sich weder um Olli noch um Ollis „HIER!“, sondern knallt kaltschnäuzig in eine Hundeschulgruppe und mischt sie einmal komplett auf. Franziskas Halbstarker ist beim Gruppenspaziergang zum Thema „Pöbeln an der Leine“ weit und breit der Einzige, der an der Leine pöbelt. 

Evelyn bindet sich die Schleppleine um den Bauch und lässt sich, nachdem ihr Schnucki mit ihr fertig ist, das Loch im Kopf mit acht Stichen nähen. Daniels Hündin kackt jedesmal auf den Wohnzimmerteppich, wenn er es wagt, das traute Heim ohne sie zu verlassen. Marian lässt Lucy nur von der Leine, wenn sie Buch und Kaffee dabei hat und in den nächsten fünf Stunden keine Termine anstehen. Vrenis Rüde öffnet Küchentüren, hat ein Jagdproblem, frisst, bis er kotzen muss und schläft im Bett – auf Vreni!

Olli, Franziska, Evelyn, Daniel, Marian und Vreni sind keine Freunde aus der Schwererziehbarengruppe, sondern ... Hundetrainer! Krauses, wie wir sagen. Das ist so schön, mir fehlen fast die Worte! Luna und ich fühlten uns schon immer zu Krauses hingezogen, die ein ähnliches Martyrium durchgemacht haben wie wir. 

Es nützt uns wenig, wenn hinter unserem Problemhundtrainer ein kreuzbraver, durchkonditionierter Border Collie trottet und herabfallende Eicheln hütet. Nein! Ich möchte, dass mein Krause so gelitten hat wie ich. Wenn ich sage: „Scheiße Mann, gestern ist das Halsband gerissen!“, will ich kein neugieriges „Aha? Erzähl mal!“ hören, sondern ein empathisches „Du brauchst gar nicht weiterzureden. Ich weiß genau, wie du dich fühlst.“

Wir Krawallmausinhaber – ich darf getrost für alle sprechen – schätzen Hundetrainer, die es nicht nur im Kopf haben, sondern auch im Bauch fühlen. Die selber einen Hund besitzen, der gelegentlich neben dem Gleis läuft; der nicht wie am Schnürchen hinter ihnen her zickzackt, sondern sie einmal pro Woche gepflegt auflaufen lässt. Krauses, die wissen, wie es ist, wenn der eigene Hund einen anderen platt macht und vier vor Entsetzen kreischende Betroffene die standrechtliche Erschießung verlangen. 

Einem solchen Krause müssen wir nicht lange klar machen, wie mies wir uns fühlen, wenn unser Herzenshund ausrastet und uns nach allen Regeln der Kunst bloßstellt. Es sind Krauses, die ihre Grenzen kennen und unsere Probleme am eigenen Leib durchlebt haben. Die erzählen uns nichts vom Pferd. Die handeln und wissen, was möglich ist und was nicht.

Nudelsalat und Bartels Most
Morgens nach dem Fest steht Ulli mitten auf der Dorfstraße über einer zerdepperten Schüssel Nudelsalat. In ihrer linken Hand zuckt ein grollendes Herdenschutzweib von der griechische Müllkippe, rechts ein schreiender Terrier, während ihre kleine Rumänin sich wutentbrannt auf den malinoisen Erzfeind stürzt. Susannes Hunde überfallen zu fünft mit lautem Gebell das Rudel einer ahnungslosen Gassigängerin, die fast einer Herzattacke erliegt. 

Christels Herdenschutz-Tschechen-Wolf versucht im zarten Welpenalter, Thomas Baumann höchstpersönlich auf einem Seminar in den Senkel zu stellen. Normen nennt einen mehrfach genagelten Mittelfinger sein eigen, nachdem ihm sein altdeutscher Hütehund Tacker gezeigt hat, wo Bartel den Most holt. Bernhards Boomie hat ebenfalls Perforationshintergrund, seit er am Hundestrand einer wildfremden Frau in die saftige Wade biss. Sophie kassiert acht Löcher von ihrem zwölf Wochen alten Beagle. Das ist nicht gut. Aber immer noch besser als zwölf Löcher von einem Achtwöchigen.

Natürlich gehört eine gute Portion Mut, Wahnsinn und Ignoranz dazu, sich mit so einem Hund auszustatten und damit beruflich in Erscheinung zu treten. Ich kann jeden verstehen, der sich das nicht traut. Der eigene Hund ist quasi die Arbeitsprobe. Man möchte doch gelungene Sachen zeigen. Wir Werbetexter haben ja auch keine missglückten Kampagnen in der Bewerbungsmappe. Statt der Anzeigenserie über die nachhaltige Umweltfreundlichkeit von Atomkraftwerken glänzen wir lieber mit dem lustigen Joghurtspot. 

Aber spannend wäre es schon und – sofern es funktioniert – ein Beispiel außergewöhnlicher Kompetenz noch dazu. Also wenn Güni, der Agi-Trainer, keinen Border Collie über den Parcours jagte, sondern einen hoch motivierten Neufundländer. Oder wenn Horst, der Schutzdienstler, mit einem bärenstarken Retromops aufliefe; oder Gundula von der Markerfraktion mit einem Fünffachbeißer aus dem Tierheim ränge anstatt einem Will-to-please-Wedler vom Welpenalter an das Hirn aus der Schale zu klickern. 

Bei denen würden wir sofort buchen. 
10er-Karte über 10er-Karte! 



© Michael Frey Dodillet | hundeschau 1/2014 | Die Krawallmaustagebücher 2015

Samstag, 4. April 2015

Base Porn.



Auf unserer Hunderunde durchs Neandertal werden wir von einem Mammut, einem Wisent und drei Säbelzahnschweinen angegriffen. Die Hunde und ich kämpfen wie die Berserker. Schwer verwundet stürzen wir die Böschung hinunter. Wir brauchen Hilfe. Ich greife zum Handy. Es ist tot!

Wie konnte es dazu kommen? Also dass das Handy tot ist, meine ich. Das mit dem Mammut und dem Schweinezeugs ist nur ein geschickter dramaturgischer Kniff. Außerdem haben die Schweine im Neandertal heute keine Säbel mehr. Aber das Telefon ist tatsächlich verstorben. Es besteht ab sofort keine Chance mehr auf Rettung, wenn wir still und stumm in den Büschen liegen.

Sonntag, 22. März 2015

Wenn der Körperklaus Kssst macht.




An einem sonnigen Frühlingstag versuche ich, eine mit schwerer Erde gefüllte Schubkarre über unsere holperige Wiese zu bugsieren. Als ich mit dem linken Fuß in ein von den Hunden aufgebuddeltes Mauseloch trete und mit dem rechten an einem Maulwurfshaufen hängen bleibe, ist mein Schicksal besiegelt.



Wild eiernd versuche ich, auf einer Strecke von zehn abschüssigen Metern mein Gleichgewicht zu halten. Ich stolpere nach Osten, während die Karre nach Westen ausbricht, reiße das Ruder in letzter Sekunde herum, ramme mir die Handgriffe in die Leiste, lasse das Gefährt los, bevor ich meinen eigenen Schuh überfahre, und schlage schließlich der Länge nach auf die Fresse. Meine Töchter beobachten diesen unwürdigen Akt der Hilflosigkeit ungerührt von Anfang bis Ende und diagnostizieren trocken: „Er ist ein echter Körperklaus.“


Montag, 16. Februar 2015

Dr. Jekyll & Mr. Hyde.



Wir leben mit einer gespaltenen Persönlichkeit zusammen. Dr. Jekyll hopst uns in die Arme und schmust uns stundenlang schwindelig. Mr. Hyde mutiert über geklautem Futter zu einer fauchenden Bestie und beißt gnadenlos die Hand, die ihn nährt. 

Beide Herren residieren im Körper eines fünfjährigen Münsterländer-Jack-Russell-Mischlings, der vom Tierheim folgenden Begleittext erhielt: „Wiki ist ein sehr aufgewecktes Kerlchen und hat auch immer neue Ideen. Da er noch sehr übermütig ist, könnte es eventuell gelegentlich zu Missverständnissen kommen.“

Samstag, 24. Januar 2015

Herrchenjahre 3.


So. Die „Männer“ sind geschrieben, lektoriert, gekürzt, gewürzt und abgekocht. Männer al dente ist seit dieser Woche beim Verlag und harrt des Drucktermins. Nach zwei Männerbüchern bin ich quasi austherapiert und kann mich wieder den wahren Herrschern unseres Planeten widmen: den Rüdinnen und Rüden.

Das Schreibgerät ist frisch poliert. Unschuldiges weißes Papier liegt in Stapeln bereit. Auf dem ersten Blatt steht auch schon was: Herrchenjahre 3.

Sonntag, 21. Dezember 2014

Last-Minute-Geschenktipp.




Erlangen (dpo) - „Geschichtswissenschaftler der Universität Erlangen/ Nürnberg haben herausgefunden, dass der Film King Kong auf historischen Tatsachen beruht. Der echte King Kong war allerdings nicht etwa ein Riesengorilla, sondern vielmehr ein Hund von normaler Größe. Das Tier hieß zudem nicht King Kong. Sein historisch verbürgter Name lautet Fido. Gruselige Überschneidung: Fidos Frauchen war weiß.“

Angesichts der zunehmenden Informationsflut wird man im Aufnehmen von Nachrichten immer versierter. Der morgendliche Blick rutscht über die Regionalzeitung und Spiegel Online, schweift von tagesschau.de über n-tv zu diversen Links in der Facebook-Timeline, zuletzt noch je nach Geschmack eine Prise FAZ, Süddeutsche oder ZEIT. In Windeseile überfliegt man die Schlagzeilen, wurstelt sich durch die Anleser – fertig ist die tägliche Dosis Neuigkeiten aus unserer merkwürdigen Welt.

Freitag, 5. Dezember 2014

Nazibullshit.



Im September 2011 entdeckte ich im Polarchatforum den denkwürdigen Satz: „Meine sind einzeln schlafend, weil der NLH mit dem N3 nicht tiefenverknüpft ist.“ Die Zeit danach war ausgesprochen vergnüglich. 

Innerhalb kürzester Zeit beglückte das Thema Vererbte Rudelstellungen seine Leser mit 4.700 Kommentaren und drei Spezialfalldiskussionsablegern. Wir Ottonormalhundehalter lagen derweil auf dem Boden und brezelten uns weg vor Lachen.

Samstag, 1. November 2014

Neues vom Hetzer.



Die bevorzugt eindimensional denkende Trainerschaft ärgert sich derzeit über meinen letzten Satz im WDR-Beitrag. „Dödel“ hetze mit seiner Ihr-könnt-uns-alle-mal-Methode die Leute auf, ihre Hunde nicht mehr zu erziehen, heißt es.


Ich verstehe die Empörung nicht. Ich sage doch nur, dass jeder Hund halt ist wie er ist. ANNEHMEN heißt nicht automatisch AUFGEBEN.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Dem Dude sein Fernsehteam.




Wir hatten ja unlängst angedeutet, dass wir – also Luna, Wiki und ich – in einem schwachen Moment dem WDR Tür und Tor geöffnet haben. Das war Ende Juli. Mittlerweile sind Wikis Beiträge sendereif. Wir anderen spielen nur eine untergeordnete Rolle.

Für den Beitrag, der am 19. Oktober ausgestrahlt wurde, hat er extra ein Loch in meine schöne Böschung gegraben und mich angepestet, als ich das doof fand. Aber Mirko Tomasini meint in dem Beitrag sinngemäß, das sei alles nicht so wild, der Hund deeskaliere ja nur. Im Split-Screen kann man sehen, dass der Wolfschef auf der Kasselburg genauso aussieht, wenn er einen Hals hat. Es ist schön und artgerecht und wunderbar, dass Wiki seinen inneren Wolf noch besitzt, BERUHIGT MICH ALS HARMLOSEN FAMILIENHUNDEHALTER ABER NICHT DIE BOHNE! Der Beitrag heißt „Mythos Alphatier“.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Intermediäre Brücke (Subsonic Trance Stephen King Exorcist Mix).




Wenn er sich mit der Schlepp im Wald verheddert hat, ist er immer sehr empört. Als hätte der Wald das extra gemacht! Willkommene Gelegenheiten, um den mürben Scheffstatus mal wieder zu zementieren. Während ich die Knoten löse, singe ich: „Ich hahab Dauuumen und duhuhu nihicht!"

Ich kann mir nicht helfen. Irgendwie klingt meine intermediäre Brücke als käme gleich ein kleiner blutbesudelter Clown mit einer Machete um die Ecke. 

© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2014





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