Freitag, 7. August 2015

Hell's Granny.


„Was macht Luna da?“, fragt meine Frau und schaut zu, wie unsere Hündin in einer Staubwolke am Horizont verschwindet. „Sie verschwindet in einer Staubwolke am Horizont“, sage ich. „Das sehe ich auch“, sagt Stella. „Aber warum macht sie das?“ – „Wahrscheinlich ist Wolfi irgendwo da hinten.“  

Bauer Fürmanns Hofhund Wolfi und Luna kennen sich seit ungefähr zehn Jahren und wollen sich seit ungefähr zehn Jahren umbringen, wenn sie sich begegnen. „Das war eine rhetorische Frage“, seufzt meine Frau. „Mir ist auch klar, dass da hinten irgendwo Wolfi ist. Aber warum macht sie das? Luna ist bald zehn. Weißt du, wie alt sie als Mensch wäre? Unter Berücksichtigung ihrer vierzig Kilo Gewicht ungefähr achtzig!!! Wie kann man mit achtzig in einer Staubwolke am Horizont verschwinden, nur weil man sich auf eine Schlägerei freut? Das ist die brutalste Oma, die ich kenne.“ – „Sei froh, dass sie keinen Rollator besitzt“, murmele ich. „Dann wäre sie noch schneller.“ – „Mich erinnert sie an die Hell’s Grannies von Monty Python. Die haben mit ihren Handtaschen auch wahllos auf Passanten eingeschlagen.“ 

Besorgt blicken wir unserer rüstigen Rentnerin hinterher, die hundert Meter weiter vorn nach links abbiegt, wie eine unbemannte Drohne in die Baumschule hineindonnert und nicht eher wieder herauskommen wird, bis sie Wolfi auf den Mond geschossen hat – mitsamt Bauer Fürmann, dem Sohn von Bauer Fürmann, der Frau von Bauer Fürmann und den vier Pappeln, die blöde hinter ihnen herumstehen.

Achtzig ist doch kein Alter
Luna laboriert mit ihren achtzig Jahren immer noch an einer kombinierten Freilauf- und Leinenaggression sowie an diversen anderen Macken, die ihr in unserer Nachbarschaft die Berufsbezeichnung Problemhund eingebracht haben. Ich finde diesen Begriff diskriminierend und spreche von einer emotionsflexibel veranlagten Andersbefähigten mit Perforationshintergrund, kurz: EVAMP. In der Fachliteratur wird ja gerne abgekürzt. In Härtefällen lasse ich noch eine disruptive Launenfehlregulationsstörung (DLFRS) in die Diskussion einfließen. DLFRS ist die offizielle therapeutische Bezeichnung für Jähzorn, macht aber bei Schadensnachbereitungsgesprächen mit Betroffenen einen professionelleren Eindruck.

„Hören Sie mal, Sie! Ja, Sie! Wenn Ihre aggressive Töle noch einmal auf meinen Gisbert losgeht, zeige ich Sie an.“ – „Luna ist nicht aggressiv, sie ist nur disruptiv launenfehlreguliert. Außerdem habe ich sie an der Leine. Es kann nichts passieren, solange Gisbert nicht wieder in uns hineinrennt. Wollte er sich gerade umbringen?“ – „Das kann ich nicht verhindern. Gisbert hört ja nicht.“ Damit ich während des Gesprächs nicht von den Füßen gerissen werden, praktiziere ich den Dodillet’schen Schwitzkasten als Managementlösung. Dabei drücke ich die vor Mordlust vibrierende Oma an mein linkes Bein, vergrabe beide Fäuste tief in ihrer Halsschwarte und verwandele mich in einen stählernen Schraubstock. Mittlerweile kann ich dabei sogar entspannt lächeln und so beeindruckende Sätze sagen wie „Machen Sie sich keine Sorgen, kch, kch, ich habe alles im Griff, pfff, pfff.“ 

Der Schwitzkasten ist das Einzige, was einigermaßen hilft. Okay, gut, das Einzige nicht. Man kann dieser Hündin drei Rippen entfernen. Wie letztes Jahr im Mai. Dann backt sie zwei Wochen lang auch mal kleinere Brötchen.

Alles fing mit Beule an
Beule  tauchte irgendwann nach einer Keilerei mit Wiki auf, bei der es um ein albernes Stück Brot ging … eigentlich ging es gar nicht um das Brot, das war nämlich gar nicht mehr da, weil es am Vortag an dieser Stelle von Luna aufgefressen worden war, es ging vielmehr um einen Fleck Erde, auf dem vierundzwanzig Stunden vorher mal ein Brot lag, weswegen Wiki wie üblich eine mordsmäßig dicke Lippe riskierte und Luna sie ihm prompt noch dicker klopfte … egal, jedenfalls tauchte Beule nach diesem Scharmützel an Lunas rechter Rippenseite auf, fühlte sich knallhart an wie ein abgekapseltes Hämatom und blieb da wohnen. Die Dame wird tatsächlich alt, dachten wir noch. Vielleicht sind Hunde ja wie Autos. Die sind im Alter auch verbeult und ein bisschen langsamer.

Leider wurde Beule mit der Zeit spürbar größer. Das machen abgekapselte Hämatome normalerweise nicht. Die Diagnose war unerfreulich: Chondrosarkom, ein bösartiger Tumor, der schnell und infiltrierend wächst. Chondrosarkome in der Rippengegend tun nicht weh. Arschlöcher sind sie trotzdem. Sie werden mitunter so groß wie Fußbälle, ziehen alle Energie aus dem Hund und bringen ihn irgendwann um. Die gute Nachricht: Diese Tumore streuen nur selten. Das hieß, eine radikale Operation versprach Abhilfe. 

Luna entschied sich wie erwartet für das OP-Modell mit Vollausstattung und allem Zipp und Zapp: drei Rippen raus, Mordstumor auch nach innen, Zwerchfell versetzt, Hautverschiebung wegen des enorm großen Wunddefekts, Morphium, Tropf, Wärmelampe, stationärer Klinikaufenthalt. Das ist mal wieder typisch für diese Hündin. Ihr ganzes Leben geht das schon so. Alles, bloß keine halben Sachen. Es hätte ja auch ein Lipom sein können oder eben ein Hämatom, aber nein! Am besten irgendetwas Tolles mit „Rippen raussägen und Zwerchfell umnähen“. Muss sich ja lohnen, so eine Fahrt zum Tierarzt.

Direkt von der Pubertät in den Altersstarrsinn.
„Das ist noch gar nicht so lange her“, sagt meine Frau. „Da stand es auf Messers Schneide. Da lag sie in der Klinik in der Box unter der Wärmelampe und wir haben gedacht, jetzt ist es aus. Jetzt müssen sie die Regenbogenbrücke frei räumen, damit es keine Schlägerei gibt. Ja von wegen!“ Wir schauen beide unserer Hündin zu, wie sie unverrichteter Dinge aus der Baumschule biegt, nach rechts und links guckt und gemächlich auf uns zu trottet, nachdem sie uns entdeckt hat. 

Wolfi war Gott sei Dank nicht in der Baumschule. Dem begegnen wir erst auf dem Rückweg. Da steigt die Oma in die Leine, als gäbe es kein Morgen mehr. Hat sie zwei Wochen nach der OP auch gemacht. Obwohl das noch richtig weh tat, weil beim Pöbeln der gesamte Brustkorb beansprucht wird. Wuff, aua, fiep! Lernt sie etwas daraus? Nein! Ruffwuff, auaaua, fiepfiep! Werden wir mit ruhigeren Zeiten rechnen können, jetzt wo Madame achtzig und siech ist? Nein, nein! 

Eine Bekannte sagte einmal über ihren greisen Berner Sennenhund: „Bruno, der sture Esel. Direkt von der Pubertät in den Altersstarrsinn übergegangen.“ Damals haben wir noch herzlich gelacht.



 © Text Michael Frey Dodillet | hundeschau 3/2014 | Die Krawallmaustagebücher 2015



Donnerstag, 2. Juli 2015

Sommerpause. Sicherheitshalber.

Im Juli machen wir mal gar nichts. Weil es ganz heiß wird, weswegen der Sabber immer auf die Tastatur tropft, woraufhin der Laptop kaputt geht, der daraufhin in die Werkstatt muss, was wiederum den Werkstattmann so sehr freut ...

... dass er eine ganz dicke Rechnung schreibt, gegen die man sich nicht wehren kann, weil einem die Worte fehlen, da einem die Sonne die Birne weichgekocht hat, die mit 53 sowieso nicht mehr das ist, was sie mal früher war. 

Und überhaupt!




Dienstag, 2. Juni 2015

Dann nimm' halt in Schweineschmalz und Sesam geröstete Hühnerherzen!




Was soll ich lange drumherum reden. Lieber gleich die Karten auf den Tisch. Also: Luna mag andere Hunde nicht sonderlich. Eigentlich mag sie kaum etwas, was vier Beine hat. Oder sechs oder acht. 

Das Resultat dieser Veranlagung ist aufsehenerregend. Aus nichtigstem Anlass detoniert meine Hündin neben mir wie ein Atompilz. Vorsichtshalber ist sie angeleint, wegen des drohenden Fall-outs. Sie detoniert, wenn eine zweite Hündin Deutschland betritt. Sie detoniert, wenn sie beim Spaziergang Bauer Fürmanns Wolfi trifft. Und wenn sie kurz darauf an Wolfis grünem Hoftor vorbeirennt, hinter dem Wolfi DEFINITIV NICHT ist, weil wir ihn gerade eben noch leibhaftig im Wald getroffen haben, dann detoniert sie gleich nochmal.

Mittwoch, 6. Mai 2015

Plädoyer für ungezogene Krausehunde.






















Die Damen begegnen sich auf einer kurzgeschorenen Wiese am Bodensee. Nachdem die Ältere der Jüngeren zu verstehen gibt, es handle sich bei dieser Grünfläche seit über einem Jahrzehnt um ihr Revier, macht die Jüngere der Älteren klar, dass es höchste Zeit für einen Generationswechsel ist. 

BOINK! Schon haben die zwei sich in der Wolle. Ich hechte dazwischen und versuche, meine erboste Luna (damals 8) von der kochenden Bella (damals 12) herunter zu pflücken. Ja, ich weiß, das soll man nicht! Aber was bleibt mir anderes übrig? Um mich und die Hunde stehen vier tatenlose, aber dafür laut schreiende Rentner herum. Drei rufen so etwas Ähnliches wie „Wah! Wah! Wah!“, treffen aber keinerlei Anstalten, mir zu Hilfe zu kommen. 

Samstag, 4. April 2015

Base Porn.



Auf unserer Hunderunde durchs Neandertal werden wir von einem Mammut, einem Wisent und drei Säbelzahnschweinen angegriffen. Die Hunde und ich kämpfen wie die Berserker. Schwer verwundet stürzen wir die Böschung hinunter. Wir brauchen Hilfe. Ich greife zum Handy. Es ist tot!

Wie konnte es dazu kommen? Also dass das Handy tot ist, meine ich. Das mit dem Mammut und dem Schweinezeugs ist nur ein geschickter dramaturgischer Kniff. Außerdem haben die Schweine im Neandertal heute keine Säbel mehr. Aber das Telefon ist tatsächlich verstorben. Es besteht ab sofort keine Chance mehr auf Rettung, wenn wir still und stumm in den Büschen liegen.

Sonntag, 22. März 2015

Wenn der Körperklaus Kssst macht.




An einem sonnigen Frühlingstag versuche ich, eine mit schwerer Erde gefüllte Schubkarre über unsere holperige Wiese zu bugsieren. Als ich mit dem linken Fuß in ein von den Hunden aufgebuddeltes Mauseloch trete und mit dem rechten an einem Maulwurfshaufen hängen bleibe, ist mein Schicksal besiegelt.



Wild eiernd versuche ich, auf einer Strecke von zehn abschüssigen Metern mein Gleichgewicht zu halten. Ich stolpere nach Osten, während die Karre nach Westen ausbricht, reiße das Ruder in letzter Sekunde herum, ramme mir die Handgriffe in die Leiste, lasse das Gefährt los, bevor ich meinen eigenen Schuh überfahre, und schlage schließlich der Länge nach auf die Fresse. Meine Töchter beobachten diesen unwürdigen Akt der Hilflosigkeit ungerührt von Anfang bis Ende und diagnostizieren trocken: „Er ist ein echter Körperklaus.“


Montag, 16. Februar 2015

Dr. Jekyll & Mr. Hyde.



Wir leben mit einer gespaltenen Persönlichkeit zusammen. Dr. Jekyll hopst uns in die Arme und schmust uns stundenlang schwindelig. Mr. Hyde mutiert über geklautem Futter zu einer fauchenden Bestie und beißt gnadenlos die Hand, die ihn nährt. 

Beide Herren residieren im Körper eines fünfjährigen Münsterländer-Jack-Russell-Mischlings, der vom Tierheim folgenden Begleittext erhielt: „Wiki ist ein sehr aufgewecktes Kerlchen und hat auch immer neue Ideen. Da er noch sehr übermütig ist, könnte es eventuell gelegentlich zu Missverständnissen kommen.“

Samstag, 24. Januar 2015

Herrchenjahre 3.


So. Die „Männer“ sind geschrieben, lektoriert, gekürzt, gewürzt und abgekocht. Männer al dente ist seit dieser Woche beim Verlag und harrt des Drucktermins. Nach zwei Männerbüchern bin ich quasi austherapiert und kann mich wieder den wahren Herrschern unseres Planeten widmen: den Rüdinnen und Rüden.

Das Schreibgerät ist frisch poliert. Unschuldiges weißes Papier liegt in Stapeln bereit. Auf dem ersten Blatt steht auch schon was: Herrchenjahre 3.

Sonntag, 21. Dezember 2014

Last-Minute-Geschenktipp.




Erlangen (dpo) - „Geschichtswissenschaftler der Universität Erlangen/ Nürnberg haben herausgefunden, dass der Film King Kong auf historischen Tatsachen beruht. Der echte King Kong war allerdings nicht etwa ein Riesengorilla, sondern vielmehr ein Hund von normaler Größe. Das Tier hieß zudem nicht King Kong. Sein historisch verbürgter Name lautet Fido. Gruselige Überschneidung: Fidos Frauchen war weiß.“

Angesichts der zunehmenden Informationsflut wird man im Aufnehmen von Nachrichten immer versierter. Der morgendliche Blick rutscht über die Regionalzeitung und Spiegel Online, schweift von tagesschau.de über n-tv zu diversen Links in der Facebook-Timeline, zuletzt noch je nach Geschmack eine Prise FAZ, Süddeutsche oder ZEIT. In Windeseile überfliegt man die Schlagzeilen, wurstelt sich durch die Anleser – fertig ist die tägliche Dosis Neuigkeiten aus unserer merkwürdigen Welt.

Freitag, 5. Dezember 2014

Nazibullshit.



Im September 2011 entdeckte ich im Polarchatforum den denkwürdigen Satz: „Meine sind einzeln schlafend, weil der NLH mit dem N3 nicht tiefenverknüpft ist.“ Die Zeit danach war ausgesprochen vergnüglich. 

Innerhalb kürzester Zeit beglückte das Thema Vererbte Rudelstellungen seine Leser mit 4.700 Kommentaren und drei Spezialfalldiskussionsablegern. Wir Ottonormalhundehalter lagen derweil auf dem Boden und brezelten uns weg vor Lachen.